Selbsthass bei Essstörungen – ein übermächtiges Gefühl

Selbsthass bei Essstörungen ist keine Seltenheit. Warum dieses Gefühl so übermächtig ist, verrate ich dir in diesem Beitrag. Täglich stellt er mich erneut auf die Probe und verhindert, dass ich mir etwas Gutes tue. Hier bekommst du einen Einblick und erfährst, welche Auswirkungen diese negativen Gedanken haben.

Selbsthass

Selbsthass – Was ist das eigentlich?

SelbsthassSelbsthass ist die stärkste Form der Selbstablehnung. Die Beziehung zu dir selbst ist bis in den hintersten Winkel der Seele zerrüttet. Man spricht oftmals von einem “versteinerten Herz”. Dessen Gefühle sind leer und dunkel. Betroffene richten emotionale bzw. physische Gewalt gegen sich selbst. Begleitet wird dies häufig von Zweifel, Schuldzuweisungen und tiefer Ablehnung.

Beim Selbsthass glaubst du, dass du aufgrund Schwächen oder vermeintlicher Unzulänglichkeiten es nicht verdient hast, dass es dir gut geht. Meist korreliert dieses Gefühl mit Schuldgefühlen. Da dieser Hass gegen dich selbst gerichtet ist, kannst du nicht davonlaufen. Du trägst ihn ständig bei dir. Anderen Menschen würdest du wahrscheinlich einfach aus dem Weg gehen.

Menschen mit Selbsthass neigen dazu, sich selbst psychisch oder körperlich zu bestrafen.

Selbsthass bei Essstörungen

Essstörung TomateSelbsthass spielt bei Essstörungen eine individuelle Rolle. Im Grunde handelt es sich um selbstzerstörerisches Verhalten. Sich zu nähren, also Energie in Form von Nahrung zu sich zu nehmen, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Die Ablehnung von dir selbst resultiert jedoch in dem Glauben, es nicht verdient zu haben bzw. dich schuldig zu fühlen, wenn du gegessen hast.

Selbsthass und Magersucht

Die “Motive” an Magersucht zu leiden sind vielfältig. Bei mir ist die Anorexie ein Symptom meiner dissoziativen Persönlichkeitsstörung. Selbsthass spielt hier eine beträchtliche Rolle. Er ist die innere Stimme, die mich hungern lässt, weil ich (in meinen Augen) nichts wert bin. Essen als Genuss zu empfinden ist quasi schlecht bzw. nicht richtig. So ist der Selbsthass in meinem Fall eine Art der Selbstkasteiung. Die Wunden zeigen sich “nur” im abgemagerten Körper. Aber er ist es auch, der mir verbietet, mir selbst “Gutes” zu tun. Schließlich ist im Kopf verankert, es dürfe mir nicht gut gehen. Wenn man aufgrund logischer Überlegungen trotzdem über diesen Punkt hinaus geht, schließt sich der Teufelskreis. Denn eine “Übertretung von Regeln” und der Genuss von positiven Gefühlen können in Folge zu noch mehr Selbsthass führen.

Selbsthass und Bulimie bzw. Binge Eating Disorder

Bulimie bzw. Binge Eating Disorder sind eng an Schuldgefühle geknüpft. Hier tritt der Selbsthass meist nach Essattacken auf. Betroffene fühlen sich anschließend schlecht, haben Versagensgedanken und schämen sich des eigenen Kontrollverlustes. Dieser resultiert wiederum in verstärkten Selbsthass. Ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist.

Ich bin nichts wert! – Selbsthass ist die Extremform der eigenen Ablehnung

Die Ursachen von Selbsthass bzw. Selbstablehnung

Die Gründe für den Hass gegen dich selbst lassen sich häufig im Kinder- bzw. Jugendalter finden. Meist ist er die Folge von seelischen Verletzungen. Aus unterschiedlichen Gründen (z. B. Mobbing, Misshandlung, ständige Negativkritik,…) trainiert man sich in dieser Phase an, es wäre “falsch”, wie man ist. Irgendwann übernimmt man dieses Idee und beginnt, sich selbst abzulehnen. Vermittelte Werte, Ideale bzw. Normen führen dazu, dass du glaubst, nicht genug zu sein. Du glaubst, dich ändern zu müssen, um zu “passen”.

Im Alltag den Selbsthass immer mit im Gepäck

Selbsthass begleitet mich ständig im Alltag. Eigentlich gibt es (fast) keinen Moment, in dem ich wirklich frei davon bin. Klar, jeder Mensch mag sich von Zeit zu Zeit manchmal nicht. Das hat allerdings nichts mit eigener Selbstablehnung zu tun. Allen voran steht bei mir das innere Gefühl, nichts verdient zu haben bzw. unfähig zu sein. Im Alltag fällt es mir stets schwer, mir selbst Gutes zu tun. Es beginnt bei einem Stückchen Schokolade, über Kaffee im Lokal bis hin zu positiven Erlebnissen. Freude zu empfinden ist quasi tabu. Schaffe ich es dann, den Kreis scheinbar zu durchbrechen, muss ich sehr aufpassen, um nicht noch mehr den Selbsthass zu schüren. Dadurch erschwert sich mein Tag enorm. Es ist ein innerer Kampf zwischen “Engelchen und Teufelchen”. Wobei das Engelchen der logische Hausverstand ist.

SelbsthassEbenso schwingt bei mir der Gedanke mit, ob ich überhaupt fähig sei, etwas Produktives zu erledigen. Schon kleine “Pannen” können tiefstes Hassgefühl hervorrufen. Wobei kleinste Missgeschicke (z. B. das Hinunterfallen eines Gegenstandes) bereits ausreichend sind, damit sich grausame Wörter in meinem Kopf entwickeln. Als Perfektionist ist es zudem sehr schwer zu akzeptieren, dass manche Sachen einfach längere Zeit in Anspruch nehmen. Gelingt mir etwas nicht sofort, befinde ich mich schon wieder im Teufelskreis aus Ablehnung, Hass und Verzweiflung.

Wo lassen sich nun die Auslöser finden? Dem gehe ich mit meiner Therapeutin seit vielen Stunden auf den Grund. In der Therapie von Essstörung, Depression und DIS hat bei mir Selbsthass einen ebenso hohen Stellenwert im therapeutischen Sinne. Bisher konnte ich die Auslöser nur am Rande identifizieren. Klar ist, dass die Gründe Relikte aus der Kindheit sind.

Selbsthass ist ein jäher Kampf zwischen Engelchen und Teufelchen

Selbstverletzung – der stumme Schrei des Selbsthasses

RasierklingeSelbstverletzendes Verhalten ist gekennzeichnet durch bewusste Schädigung des eigenen Körpers. Im Sinne der Magersucht handelt es sich um Nichtessen bzw. Fasten. Ebenso ist es autoaggressives Verhalten, ohne suizidaler Absicht. Sehr verbreitet ist das Ritzen mit scharfen Gegenständen (z. B. Rasierklingen, Messer, Scheren). Dabei erfüllt es unterschiedliche Zwecke. Zum Einen ist es die bewusste Bestrafung. Auf der anderen Seite dient es zum Spannungsabbau. Oftmals hilft das Ritzen, um die eigene Persönlichkeit wieder mit dem Körper zusammenzuführen. Im letzteren Fall ist man sich selbst entglitten. Der Schmerz holt dich quasi wieder in die Realität zurück.

Selbstverletzendes Verhalten zeigt sich bei Betroffenen ganz individuell. Neben Ritzen gibt es viele weitere Handlungen. Dazu zählen z. B. Verbrennen, Haare ausreissen, Einnahme schädlicher Substanzen oder Fingernägelkauen. Behandelt wird SVV primär durch intensive Psychotherapie. Diese geht dem Kern auf den Grund und versucht, alternative Verhaltensweisen zu trainieren.

(K)ein Kraut gewachsen – Wie ich versuche, mit Selbsthass umzugehen

Zugegeben, im Alltag mit Selbsthass konstruktiv umzugehen fällt mir besonders schwer. Vor allem weil ich es (noch) nicht schaffe, die innere Ablehnung in Schach zu halten. Mir gelingt es bereits, in verschiedenen Situationen dem logischen Hausverstand Vorrang zu geben. Leider kehren die negativen Gefühlen gerne plötzlich und ohne Vorwarnung zurück. So werfe ich Vorsätze schnell von einer Sekunde auf die Andere über Board. Trotzdem gibt es Momente, in denen die Logik siegt. Was heißt das nun für meinen Alltag?

  • Paul & BohneIch versuche stets, mir bewusst etwas Gutes tun und mir dies auch tatsächlich zu erlauben.
  • Die Bemühung nicht zu viel zu denken, sondern einfach zu machen, führt ab und an zum Erfolg.
  • Positive Gespräche mit inspirierenden Menschen reissen mich aus dem Gedankenstrudel. Wenn die Gedankenwelt mal wieder Kapriolen spielt, suche ich gerne den Kontakt in der Kreativszene. Im Gespräch mit Künstlern komme ich runter und kann das innere Tempo verlangsamen.
  • Auch wenn es sehr ungemütlich ist, so probiere ich, mir Pausen zu erlauben.
  • Meditation funktioniert bei mir auch ganz gut, obwohl es dabei immer lange dauert, bis negative Gedanken verschwunden sind. Auch die Körperwahrnehmung ist ein gutes Tool. So hilft mir festes Anfassen, da der empfundene Druck sehr angenehm für mich ist.
  • Ich versuche einen positiven Fokus für die Zukunft zu finden. In all der Dunkelheit muss irgendetwas noch im Inneren vorhanden sein, das mich zum Weitermachen animiert.
No Comments Yet

Leave a Reply

Your email address will not be published.