Dissoziative Identitätsstörung – Essstörung als begleitendes Symptom

Eine Essstörung tritt selten isoliert auf. Bei einer dissoziativen Identitätsstörung ist sie ein eminentes Symptom. Hier erfährst du, was es bedeutet, an einer DIS zu leiden. Oftmals dauert es Jahre, bis diese psychische Erkrankung erkannt und diagnostiziert wird. Im Alltag bringt sie viele Einschränkungen bzw. Herausforderung mit sich und erschwert die Behandlung von Essstörungen um ein Vielfaches.

Dissoziative Identitätsstörung

Dissoziative Identitätsstörung – Definition und Diagnose

Dissoziative IdentitätsstörungBei einer dissoziativen Identitätsstörung (DIS) übernehmen verschiedene Persönlichkeitszustände das eigene Denken, Handeln sowie Fühlen. Die verschiedenen Persönlichkeiten können unterschiedliche Charaktere, Wahrnehmungs- bzw. Denkmuster sowie Verhaltensweisen zeigen. Manchmal besitzen die jeweiligen Anteile sogar abweichende Fähigkeiten. Betroffene haben zudem Schwierigkeiten, sich an alltägliche Dinge zu erinnern.

Die dissoziative Identitätsstörung besitzt ein mannigfaltiges Charakteristikum. Da es sich um eine chronische Erkrankung handelt, sind jedoch einige Symptome typisch:

  • Amnesie
    Gedächtnislücken sind ein häufiges Anzeichen einer DIS. Diese können ganze Zeiträume (z. B. Abschnitte aus der Kindheit) betreffen. Ebenso alltägliche Ereignisse können “vergessen” werden. Betroffene entdecken dann oftmals Hinweise auf eine Aktivität, die ihnen erst dann bewusst wird. Die Dauer dieser “Aussetzer” reicht von wenigen Sekunden/Minuten bis hin zu mehreren Stunden. Vermutungen gehen davon aus, dass die Intensität von einem Trigger ausgeht. Sie zu finden ist schwierig, da es häufig banale Dinge (Farben, Gerüche, Gedanken,…) sind.
  • Depersonalisation
    Im Zuge der dissoziativen Identitätsstörung kommt es zu einer Art der Selbstentfremdung oder sogar zum Verlust des Persönlichkeitsbewusstseins. Erkrankte erleben sich selbst oft als “dritte” Person. In der eigenen Erinnerung macht es den Eindruck, als sehe man sich selbst in einem Film. Begleitend dazu steht das Gefühl, kurzfristige Ereignisse lägen schon jahrelang zurück. Zusätzlich gehen damit Gefühlsarmut, eine gestörte Körperwahrnehmung und roboterähnliches Verhalten einher.
  • Gestörte Körperwahrnehmung
    Betroffene haben häufig das Gefühl, der eigene Körper gehöre nicht zu ihnen. Im Spiegel betrachtet erkennt man sich zwar selbst, verknüpft dieses Spiegelbild allerdings nicht mit dem eigenen Ich.
  • Psychische Symptome
    Die DIS bringt psychische Symptome mit sich. Depressionen, Essstörungen, Angstzustände, Schlafstörungen, Zwangsstörungen und borderlineähnliche Verhaltensweisen (z. B. Selbstverletzung). Zudem ist es möglich, latente Stimmen, Geräusche oder visuelle Mirages wahrzunehmen.

Dissoziative IdentitätsstörungDiagnose

Häufig wird die dissoziative Identitätsstörung gar nicht als solche erkannt. Grund hierfür sind die begleitenden Symptome sowie Ähnlichkeiten zu anderen Erkrankungen, wodurch falsche Diagnosen gestellt werden. So bleibt sie lange unbehandelt. Nur mittels anspruchsvoller Tests (Fragebögen, Gespräche) gilt die Diagnostik als einigermaßen valide.

Dissoziative Identitätsstörung und Essstörungen

Dissoziative IdentitätsstörungEssstörungen stehen in engem Zusammenhang mit der dissoziativen Identitätsstörung. Für Therapeuten bzw. Ärzte ist anfänglich nur der anorektische Teil offensichtlich. Die Überleitung zu einer DIS gelingt nur mittels intensiver Anamnese.

Wissenschaftliche Studien über den Zusammenhang gibt es nur wenige. Der Wissenschaftler M. Torem verfasste in den späten 80ern zahlreiche Studien. Er theoriesierte, dass exzessives Hungern in direkter Abhängigkeit von dissoziativen Zuständen steht. Massive Belastungen in der Kindheit wären eine Quelle der Ursachen. Grausame Abfälligkeiten in Verbindung mit der Nahrungsaufnahme könnten ein entsprechender Tenor sein. Ebenso seien traumatische Erlebnisse nicht auszuschließen. Dennoch sind auf diesem Gebiet wissenschaftlich nur unzureichende Daten vorhanden, um eindeutige Aussagen über Genese, Ätiologie und Therapie zu treffen. So gilt die Verbindung von Essstörungen und DIS zwar als gesichert, genaue Abhängigkeiten sind jedoch offen.

Die falsche Behandlung meiner Essstörung bis zur Diagnose der DIS

Als ich mir vor einigen Jahren meine Magersucht eingestand, habe ich mich in klinische Behandlung begeben. Insgesamt verbrachte ich drei Aufenthalte in der AMEOS Klinik Bad Aussee. Damals wusste ich noch nichts von meiner dissoziativen Identitätsstörung. Im Fokus stand daher die Behandlung der Anorexie. Rückblickend betrachtet waren diese Klinikaufenthalte leider wenig fruchtbar. Im Gegenteil. Während der Erste zwar eine gewisse Stabilisierung brachte, verschlechterten die letzten Beiden meine Erkrankung. Aber was war geschehen?
Die Klinik ist grundsätzlich auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert und fokussiert auf die Normalisierung des Essverhaltens sowie Gewichtsstabilisierung. In meinem Fall erfuhr jedoch die psychologische Komponente mangelnde Beachtung . Zum einen fühlte ich mich nicht als Person, sondern lediglich als eine Zahl auf der Waage. Erfolge in der Therapie wurden mir stets als Schwindel ausgelegt. Misserfolge verstand man als Bestätigung dieser. Mir ist natürlich klar, dass die Anorexie eine gewaltige Macht  ausübt, welche zu irrationalen Handlungen führt. Trotzdem stand für mich Ehrlichkeit stets im Mittelpunkt. Deshalb war es für mich neben dem Kampf gegen die Anorexie auch ein Kampf um Glaubwürdigkeit. Unterm Strich befeuerten die Therapeuten meinen Mangel an Selbstwert sowie mein Gefühl des Versagens. Dadurch rutschte ich immer weiter in die Magersucht, da ich im Glauben stand, es wäre “nur” das Gewicht, welches mich Unzureichend mache.

Dissoziative IdentitätsstörungGlücklicherweise fand ich in Graz eine hervorragende Therapeutin, mit welcher ich nun bereits seit vielen Monaten arbeite. Als Erste sah sie mich als gesamte Persönlichkeit und blickte hinter die Kulissen meiner Anorexie. Nach vielen Sitzungen und einigen Besuchen bei anderen Spezialärzten stand die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung fest. Gut, es macht meine Situation nicht besser. Allerdings ist es beruhigend zu wissen, wo ich tatsächlich stehe. Die Basis der Psychotherapie ist dadurch gegeben und ich kann endlich am Kern arbeiten.

Dissoziative Identitätsstörung – Therapie und Aussicht

Dissoziative IdentitätsstörungGrundsätzlich wird durch intensive Psychotherapie versucht, die unterschiedlichen Persönlichkeiten schrittweise zu vereinen. Da dies nicht immer möglich ist, gilt es ein harmonisches Miteinander zu erreichen. Die erste Hürde besteht darin, die Diagnose DIS anzunehmen. Betroffene neigen zu ausweichendem Verhalten, um Ängsten und Veränderungen nicht begegnen zu müssen. Sobald der erste Schritt geschafft ist, sucht man im therapeutischen Kontext nach Möglichkeiten, den Alltag bewältigbar zu gestalten bzw. mit Kristen umzugehen.

Die Hauptarbeit richtet sich nicht an die Traumabewältigung. Belastungen wären für Betroffene einfach zu groß. Daher wird wesentlich an der inneren Kommunikation der unterschiedlichen Persönlichkeiten gearbeitet. Da die dissoziative Persönlichkeitsstörung eine chronischer Erkrankung ist, sind therapeutische Maßnahmen äußerst komplex wie langwierig. Oftmals dauert es Jahre, bis sich eine Besserung einstellt. Kombiniert wird die ambulante Therapie mit Klinikaufenthalten.

Medikamentös gibt es bisher noch kein Mittel gegen die DIS. Allerdings kommen Psychopharmaka zum Einsatz, welche die Begleiterscheinungen (Depression, Angst- wie Panikattacken, Schlaflosigkeit,…) mildern.

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