Die fiesen Tricks der Anorexie – So übernimmt sie die Kontrolle

Schon lange kämpfe ich mit einer schweren Form der Anorexie. Mit ihren fiesen “Tricks” hat sie mich längst Griff. Welche das sind, möchte ich dir heute erzählen. Dabei geht die Krankheit äußerst listig vor. Häufig kann ich zwischen Realität und Krankheit nur schwer unterscheiden. Was sich dabei im Kopf abspielt ist beängstigend wie unglaublich zugleich.

Lonely Road

Negierung der Essstörung

Eigentlich bin ich immer ein Genussmensch gewesen. Ich habe die schönen Momente des Lebens ausgekostet, bereiste viele Länder, war ständig unterwegs in der Natur und auch beruflich auf hohem Niveau engagiert. Vor und während meiner Studentenzeit hätte ich mir niemals vorstellen können, dass mich in späteren Jahren die Anorexie mit voller Wucht trifft. Bei mir ist sie stark an meinen Perfektionismus, mein Leistungsstreben und Selbsthass geknüpft.

TriathlonWie ich bereits im Beitrag über Essstörungen bei Männer erzählt habe, sind Auslöser wie Krankheitsverlauf anders als bei Frauen. Ich betrieb exzessiven Sport, arbeitete viel und begann, die Nahrungsaufnahme kleinweise einzuschränken. Begründet unter dem Deckmantel von sozialer Bewunderung. Anfangs nahm ich meinen Gewichtsverlust nicht wahr bzw. redete ich mir ein, dass es kein Problem gibt. Schließlich war ich leistungsfähig. Sprach mich jemand auf das Thema an, konterte ich mit Aus- bzw. Abreden. Es kam der Tag, an dem mir bewusst wurde, dass etwas nicht stimmt. Annehmen konnte ich diese Erkenntnis damals noch nicht. Auch heute fällt es mir noch schwer einzugestehen, dass ich mir ein tiefes Loch gegraben habe, aus dem ich alleine nicht mehr herauskommen kann.

Hier liegt die Tücke der Anorexie begraben. Ich habe sie lange Zeit abgelehnt und verdränge noch heute die Realität. Genau aus diesem Grund sind Essstörungen so fies. In “klaren Momenten” sehe ich sie mit meinem Hausverstand bzw. sehen den dringenden Handlungsbedarf. Dem gegenüber steht die psychische Abhängigkeit und damit Negierung wie Verdrängung. Kurz gesagt, verknüpfe ich die Krankheit nicht mit meiner Person.

Körperschemastörungen bei der Anorexie

Typisch für die Magersucht ist eine Körperschemastörung. Das heißt, dass ich meinen eigenen Körper ganz anders wahrnehme, als er tatsächlich ist. Wenn ich mein Spiegelbild betrachte, sehe ich mich nicht selbst. Es ist ein fremder Mensch, der mir entgegenblickt. Zugleich geistert mir in jedem Moment der Gedanke im Kopf, ich sei zu fett und noch immer übergewichtig. Vor kurzem habe ich mit einem Massband die Umfänge verschiedener Körperteile (Oberarme, Bauch, Hüfte, Beine) abgemessen. Rational betrachtet erschreckend. Doch diese Erkenntnis kommt nicht in meiner Gefühlswelt an, denn ich nehme mich ja verzerrt wahr. Zusätzlich fehlt mir ein “Spüren vom Köper”. Da dieser unterversorgt ist, habe ich keine Möglichkeit ihn und seine Bedürfnisse zu greifen.

Realitätsentfremdung und psychische Abhängigkeit

RealitätsentfremdungDie Anorexie wird nicht umsonst als Sucht bezeichnet. So wie psychoaktive Substanzen abhängig machen, so macht es auch die Magersucht. Sie zwingt zu Handlungen bzw. zur Vermeidung jener. Mein Krankheitsbild ist nicht ausschließlich auf die Essstörung beschränkt. Aufgrund einer dissoziativen Störung leide ich zusätzlich unter einer Art Entpersonifizierung. Das heißt, ich verstehe mich selbst als dritte Person. Durch diese Kombination kann ich somit nicht zwischen Realität und Einbildung unterscheiden. Aus diesem Paket ergibt sich eine psychische Abhängigkeit. Rationale Entscheidungen werden vernachlässigt bzw. unzureichend getroffen.

Trughafte Signale vom Körper bei Essstörungen

WahrnehmungsstörungDer Großteil meiner Essstörung spielt sich im Kopf ab. Allerdings sendet die Krankheit listige Signale, die ich körperlich spüre. Somit kontrolliert sie nicht nur meine Gedanken, sondern verzerrt mir meine Körperwahrnehmung zusätzlich.

  • Aufgrund der minimalen Zuführung an Nahrungsmitteln ist mein Magen extrem verkleinert. Schon kleinste Mengen reichen aus, um mir Magenkrämpfe, Übelkeit oder Völlegefühl zu vermitteln. Eine halbe Scheibe Brot, ein kleines Glas Wasser oder ein ganzer Erdapfel verursachen erstes Zwicken im Magen. Bei entsprechenden Bissen mehr, entstehen regelrechte Schmerzen.
  • Es ist sogar vereinzelt möglich, dass die Essstörung meinen Hals so verschnürt, dass ein Schlucken unmöglich wird.
  • Da sich mein Körper an den jahrelangen Raubbau gewöhnt hat, verspüre ich kein Hungergefühl. Ich spüre nicht wie gewöhnlich das Bedürfnis, sondern muss meine Mahlzeiten nach der Uhr stellen. Besonders riskant sind Situationen außerhalb der Alltages, denn eine Mahlzeit auszulassen würde mir nicht schwer fallen.
  • Sobald die Essstörung merkt, dass es wieder Zeit zum Essen ist, macht sich bei mir häufig Übelkeit breit. Zusätzlich kann mein Körper klare Stresssignale aussenden. Z. B. Schwindel, Unkontrolliertheit, Hitzewallungen.

Dies sind nur ein einige Beispiele, wie die Anorexie gemeinsam mit dem Kopf versucht, die Kontrolle zu behalten.

4 Comments
  1. Lieber Micha,
    ich habe dich als einen sehr freundlichen, kompetenten und lustigen Menschen beruflich kennengelernt. Dass du mit deiner Krankheit offen umgehst finde ich äußerst mutig – darauf kannst du sehr stolz sein. Damit gibst du sicher auch vielen anderen die notwenige Kraft weiter zu machen und in Richtung vollständiger Genesung zu gehen.
    Ich wünsche dir alles erdenklich Gute, dass du deinen Weg zur Genesung meisterst!
    GlG Martin

    Bis auf bald im CWG!

    Besten Gruß

    Martin

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