Die Essstörung – Symptom oder eigenständige Krankheit?

Essstörungen beeinflussen massiv den Alltag aller Betroffenen. Sind sie eine eigenständige Krankheit oder schlicht ein Symptom tiefergehender, psychologischer Störungen? Hier möchte ich darüber diskutieren und einige Denkanstöße geben. Eines steht auf alle Fälle fest. Die Therapie muss auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen.

Die Essstörung isoliert betrachtet

BonesBereits in zwei früheren Beiträgen habe ich die unterschiedlichen Arten der Essstörung erklärt bzw. gezeigt, was Essstörungen eigentlich sind. Allerdings erreicht mich von verschiedenen Seite immer wieder die Frage, ob eine Essstörung nun eine eigenständige Krankheit ist, oder ob sie “nur” ein Symptom für andere psychologische Störungen darstellt. Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Der ICD-10 hat sie, je nach Art, mit den Codes F50.0 bis F50.8 klassifiziert. Damit gelingt eine klare Zuordnung der Erkrankung auf einer isolierten Ebene. Obwohl medizinische Quellen gerne von korrelierenden psychosozialen Problemen bzw. psychosomatischen Störungen sprechen, erfolgt die Diagnose leider oftmals nur auf einer Ebene. Die Essstörung wird durch einen Fragebogen erhoben und lässt die Psyche hier zu einem Teil außen vor.

Meiner Ansicht nach ist es hilfreich, grundsätzlich eine klare Zuteilung treffen zu können. Quellen wie die Bundes Psychotherapeuten Kammer klassifizieren Essstörungen als separate, psychischer Erkrankung. Diese resultiere wiederum in anderen Symptomen. Aus eigenen Erfahrungen musste ich jedoch lernen, dass diese strenge Betrachtung unzureichend für eine erfolgreiche Therapie ist. Essstörungen zeigen ein bestimmtes Krankheitsbild bzw. Verlauf. Die Diagnose mit einer umfassenden Anamnese sollte jedoch ein klares Muss sein. Diese Aufgabe würde primär Haus- bzw. Fachärzten zukommen. Ergebnisse müssten alsdann die Basis für eine entsprechende Behandlung bilden.

Essstörungen liegen meist tiefergehenden Erkrankungen zugrunde

contemplateNach meiner persönlichen Erfahrung treten Essstörungen niemals isoliert auf. Vielmehr sind sie ein Symptom. So sind sie faktisch das Resultat einer psychischen Störung. Hier einige Beispiele:

  • Traumatische Erlebnisse als Auslöser.
  • Soziale Mängel und die damit einhergehenden Störungen.
  • Depressionen, Psychosen, Sucht.

Im ersten Schritt müssen Haus- bzw. Fachärzte die entsprechende Weitsicht wie Kompetenz mitbringen. Wird ausschließlich die Oberfläche, also die Essstörung selbst, diagnostiziert, kann sich eine Therapie erschweren. Es würden nur die Symptome, aber nicht die Ursachen bearbeitet. Ich kenne Kliniken bzw. Institutionen, welche ausschließlich in dieser Weise arbeiten. Dort wird der Heilungsverlauf ausschließlich mit  dem Körpergewicht beurteilt. Man geht davon aus, dass Patienten wieder vollständig gesund sind, sobald sie Normalgewicht erreicht haben. Und genau das ist aber zu wenig.

Primär sollte an den Ursachen gearbeitet werden. In psychologischen Gesprächen gilt es, die Wurzel allen Übels zu bearbeiten. Parallel ist eine professionelle Ernährungsbetreuung  samt Gewichtszunahme ein Muss, damit der Körper die notwendige Energie in der Therapie aufbringen kann. In meinen Augen ist es nicht möglich, nur durch “mehr Essen” einen nachhaltigen Erfolg zu erzielen. Essstörungen sind ein Symptom. Es gilt, Auslöser zu finden und diese entsprechend zu behandeln. Langfristige Heilungschancen sind nur dann möglich, wenn auf allen Ebenen von Psyche und Physiologie gearbeitet wird.

AnorexieBei mir dauerte es sehr lange, bis ich zu dieser Einsicht gekommen bin. Klinisch wie ambulant lag der Behandlungsfokus ausschließlich auf der Gewichtszunahme. Ich als Person selbst, fühlte mich hier aber immer nur auf eine Zahl reduziert. Auch ein paar Kilos mehr änderten daran nicht. Zu keinem Zeitpunkt fühlte ich mich besser. Kliniken brachten nur kurzfristige Erfolge. Ich könnte die Aufenthalte als “aufpeppeln” beurteilen. Danach ging es bei mir wieder bergab. So verging viel Zeit. Bis ich auf eine Therapeutin gestoßen bin, die mich als Mensch (also als vielfältiges Individuum) sah. Fast ein weiteres Jahr verging, bis ich mich vom Gedanken trennen konnte, dass ich nur eine Essstörung sei. Seither arbeite ich intensiv im psychologischen Bereich in der Hoffnung, dass der Knopf irgendwann aufgehen wird.

Tipps für Behandlung und Therapie

Der Weg in und aus einer Essstörung ist lange und steinig. Zumal sich ein Großteil einzig auf psychologischer Ebene abspielt. Darum hier ein paar Tipps für Behandlung und Therapie:

  • Aktiv Hilfe suchen. Es ist nicht einfach, sich eine Essstörung einzugestehen. Trotzdem solltest du dich nach einem entsprechenden Netzwerk aus Professionisten umsehen.
  • Lass dich nicht auf die Essstörung reduzieren. Du bist mehr als nur das. Suche gemeinsam mit Therapeuten nach den Ursachen und beginne hier zu arbeiten.
  • Veränderung der Essgewohnheiten. Nur mithilfe kompetenter Betreuung kann dies gelingen. Je nach Schweregrad der Essstörung muss dies im klinischen Setting oder in enger Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern geschehen.
  • Ja, ich will! Eine Therapie kann nur dann fruchten, wenn du es dir selbst wert bist, dass es dir “besser” geht.
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