Bewegungszwang und Sportsucht bei Magersucht + Tipps

Hyperaktivität, Rastlosigkeit und euphorische Hochphasen. Warum sind Bewegungszwang bzw. Sportsucht so typisch bei Magersucht? Betroffene nutzen Bewegung als Strategie gegen die Angst, an Gewicht zuzunehmen. Wissenschaftler sprechen neuerdings von einem steinzeitlichen Notprogramm. In diesem Beitrag möchte ich Einblicke zu diesem Thema geben und dir ein paar hilfreiche Tricks zeigen, wie du deinen Bewegungszwang womöglich besser kontrollieren kannst.

Bewegungszwang

Die Funktion vom Bewegungszwang bei Magersucht

BewegungszwangBei der Magersucht handelt es sich um eine extreme Form der Abmagerung. Herbeigeführt durch streng limitiertes Essverhalten sink das Gewicht auf einen kritischen Wert. In der Praxis gilt ein BMI unter 18,5 als erstes Anzeichen. Ist dieser kleiner 17,5 spricht man von Anorexia Nervosa. Betroffene geraten allerdings auch in einen Bereich des BMI, der sogar unter 12 liegen kann.

Jeder Magersucht liegt eine Körperschemastörung zugrunde. Der eigene Körper wirkt fremd bzw. zeigt der Spiegel ein verzerrtes Bild. Betroffene leiden unter panischer Angst vor einer Gewichtszunahme. Mit allen Mitteln wird versucht, das Gewicht zu “kontrollieren”. Hyperaktivität, also ein krankhafter Bewegungszwang, dient in erster Linie dazu, um Spannungen abzubauen. Ebenso beruhigt dieser das schlechte Gewissen. Bleibt die Bewegung aus, gesellen sich Schuldgefühle hinzu.

Der Bewegungszwang ist also eng mit der Magersucht verbunden. Es herrscht eine ständige Bewegung. Vom exzessiven Spazierengehen bzw. Sport, über langes Wohnungsputzen bis hin zu unterschiedlichsten Aktivitäten. Das Ziel ist immer das Gleiche. Nicht still sitzen, denn die Anorexie vermittelt das Gefühl, Inaktivität sei schlecht und führe zur automatischen Gewichtszunahme. Speziell nach Mahlzeiten spring dieses Programm automatisch an. Mit allen Mitteln wird versucht, die nun entstandene Anspannung abzubauen.

Sportsucht als Einstiegsdroge in die Anorexie

Die Sportsucht, auch Anorexia Athletica genannt, steht in engem Zusammenhang mit der Anorexia Nervosa. Sie kann entweder der Einstieg sein oder im Kontext einer bestehenden Magersucht auftreten. Allerdings kann bewusste Bewegung ebenso helfen, gegen die Krankheit anzugehen.

BewegungszwangSportsucht als Einstieg

Essstörungen sind nach wie vor ein Tabuthema. Sport, besonders wenn er exzessiv betrieben wird, kann ein gefährlicher Einstieg in die Magersucht sein. Bei mir stellte körperliches Training einen wichtigen Punkt im Leben dar. Ich war ein richtiger Bergfex, ständig draussen unterwegs. Irgendwann hatte ich den Triathlon bzw. Marathon für mich entdeckt. Laufschuhe und Rennrad gehörten ohnedies zu meinen wichtigsten Sportgeräten. Zu Beginn betrieb ich Triathlon mit echter Passion und Freude.

Doch irgendwann wandelte sich die Freude in ein zwanghaftes Verhalten. Ich trainierte auch dann, wenn ich müde war. Essen war nur mehr erlaubt, wenn ich mein “Soll” erfüllt hatte. Auch die Portionen wurden immer strenger kontrolliert. Der anfängliche Gewichtsverlust resultierte in einer Leistungssteigerung, welche aber irgendwann weniger wurde. Da war ich schon im Strudel gefangen. Waren meine Trainingseinheiten schlecht, so versagte ich mir ebenso wichtige Mahlzeiten. Bis zu einem Punkt, an dem nichts mehr ging. Dieser Prozess dauerte viele Monate.

Sportsucht bei bestehender Magersucht

Bei vielen Magersüchtigen entwickelt sich die Sportsucht erst später. Die Gründe sind unterschiedlich. Betroffene setzen Sport häufig für einen gesteigerten Kalorienverbrauch ein. Es kommt zu einer Art psychischer Aufwertung und Selbstbestätigung. Grundtenor ist hier die Einbildung, nach wie vor Kontrolle über den eignen Körper zu haben. Die eigenen Grenzen werden demnach bis ans äußerste Limit ausgereizt. Da der Beginn schleichend ist, fällt das krankhafte Verhalten anfänglich nicht auf. Erst mit zunehmender Intensität, Regelmäßigkeit und Ausdehnung der Trainingseinheiten kommt es zur Abhängigkeit. So klagen viele Betroffene über Entzugserscheinungen und Kontrollverlust. Der Körper verlangt aufgrund einer Toleranzentwicklung nach immer mehr. Da diese extreme Leistung auf Dauer nicht aufrecht gehalten werden kann, ersetzen zum späteren Zeitpunkt andere Aktivitäten die sportliche Tätigkeit. Langes Spazierengehen, Unrast, ständiges Getrieben sein.

Bewegungszwang als Notprogramm des Körpers

BewegungszwangEigentlich gleicht es einem Oxymoron. Trotz ihres ausgehungerten Körpers können Magersüchtige ungeheure Energien aufbringen. Bislang wurde vermutet, dass der Bewegungszwang sich darin begründet, einer Gewichtszunahme entgegenzuwirken und um inneren Anspannungen entgegenzuwirken. Wissenschaftler, z. B. Regina Casper (Stanford University) oder Shan Guisinger (Yale University), stellten die Theorie eines steinzeitlichen Notfallprogrammes auf:

In der Steinzeit waren Hungersnöte keine Seltenheit. Kurzzeitig resultiert eine solche in Lethargie, um Energiereserven zu sparen. Bei längeren Hungerphasen verändert sich jedoch der körpereigene Hormonstoffwechsel. Unterernährung beeinflusst maßgeblich das Hormon Leptin (Sättigungsgefühl) und führt weiters zu einer starken Opiatausschüttung. Dadurch fühlen sich Magersüchtige euphorisch sowie voller Tatendrang. Ebenso wird das Hungergefühl deaktiviert und die Krankheit optimistisch verleugnet. Für die steinzeitlichen Jäger und Sammler war dies ein hilfreiches Programm. Sie blieben nicht am gewohnten Ort hängen, sondern konnten die Kraftreserven nutzen, um an anderen Stellen nach Nahrung zu suchen.

Bisher gibt es keine fundierten Studien, welche diese Theorie bestätigen. Trotzdem konnten Psychologen/Therapeuten ein regelmäßiges Schema bei ihren Patienten beobachten.

Zur weiteren Vertiefung kann ich euch die folgenden Studien empfehlen:

Unrast, schlechtes Gewissen und Hyperaktivität sind typisch bei Magersucht

Tipps, um dem Bewegungszwang zu kontrollieren

Der Bewegungszwang kann ein ziemlich harter Gegner sein, will man gegen die Magersucht ankämpfen. Schließlich dient er dem Spannungsabbau, unterdrück ein schlechtes Gewissen und lenkt vom Hungergefühl ab. Deshalb möchte ich dir hier ein paar Tipps geben, wie du besser mit dem Bewegungszwang umgehen kannst:

  • Gehe weiterhin regelmäßig zu deiner Therapie und thematisiere den Bewegungsdrang. Gemeinsam mit deiner Therapeutin kannst du Strategien entwickeln, welche dir helfen können.
  • Mach dir den Bewegungsdrang auf einer logischen Ebene bewusst. Rationell weißt du bestimmt, dass er Teil der Magersucht ist. Halte dir vor Augen, dass dieser Zwang deiner Psyche entspringt.
  • Bringe deine Ängste und Gefühle zu Papier. Beantworte deine Punkte mit Rationalität und logischem Hausverstand.
  • Hol dir Unterstützung im Freundeskreis. Sprich über deinen Bewegungsdrang mit Freunden und bitte sie um Hilfe.
  • Suche dir für dich machbare Alternativen. Wie wär es mit Meditation, Atemübungen, Lesen oder Musikhören? Finde heraus, womit du dich kurzzeitig ablenken kannst, bis die Spannung nachlässt.
  • Sei neugierig. Probiere neue Dinge aus, die keinen körperlichen Fokus haben.
  • Erstelle dir einen “gesunden Bewegungsplan” und halte dich daran. Am besten gemeinsam mit Freunden oder Therapeuten.
  • Durch den Entzug kannst du in ein tiefes Loch fallen. Fokussiere dich deshalb auf Dinge, die dich glücklich machen.
No Comments Yet

Leave a Reply

Your email address will not be published.